Letzte Artikel von Karl-Heinz Hellmann

7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 85

ter fühlen sich wie eine große, globale Familie und freuen sich ehrlich über je-
den Besucher. Das ist bei den internationalen Wettbewerben immer deutlich
fühlbar.
Warum schreibe ich so ausführlich darüber? Ich bin seit vier Jahren Mitglied
und habe viele Mitglieder kommen und gehen gesehen. Hier kann man im
besten Lernsystem, das ich in meinem Leben bisher kennengelernt habe, sei-
ne mentale Stärke trainieren. Um DTM zu werden, muss man regelmäßig
über mehrere Jahre konstant & konsequent ein Ziel verfolgen, und das völlig
freiwillig, ohne Zwang. Das ist für jeden eine große Herausforderung, da es
sich gegen die Entropie richtet. Ich habe bei vielen Mitgliedern beobachtet,
dass sie am Anfang verschüchtert oder misslaunig waren. Nach spätestens
sechs Redeprojekten stellt sich eine positive Veränderung ein, die mit jedem
Projekt fortschreitet. Es geht also im Hintergrund nicht um Rede- oder Füh-
rungseigenschaften, sondern um das Besiegen der Entropie. Denn wer eine
Kompetenzstufe erarbeitet hat, ist motiviert und weiß, dass er auch die nächs-
te schaffen wird. Und wer die jeweils höchsten Stufen DTM, Accredited Spea-
ker (AS), Advanced Communicator Gold (ACG) oder Advanced Leadership
Silver (ALS) erarbeitet hat, hat auf diesem Weg so viel mentale Stärke entwi-
ckelt, dass er jedes andere Ziel auch schaffen wird.
Sie können jeden Club besuchen, so oft Sie wollen. Sie können als Gast zwar
keine vorbereitete Rede halten oder eine Rede bewerten, allerdings werden
Sie freundlich in den Ablauf eingebunden, in dem Sie einfache Aufgaben
übernehmen   und Gelegenheit  bekommen, vor  einer  freundlichen   Gruppe
(zwischen zehn und 20 Mitglieder) testweise zu sprechen, zum Beispiel dar-
über, warum Sie zu den TM gekommen sind und wie sie auf die TM gestoßen

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7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 84

oder Uni sein. Für die Clubleitung gibt es zahlreiche zusätzliche überregionale
Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Handbücher kosten zwölf (Grundstufen)
bis sechs Euro (für Fortgeschrittene), der Mitgliedsbeitrag schwankt in Ab-
hängigkeit von den Raumkosten und liegt meistens unter hundert Euro pro
Jahr.
Wichtig ist zudem, dass auch bei den Meisterschaften per Handbuch für jedes
Redeprojekt ein Zeitrahmen vorgegeben ist (zwischen vier und 15 Minuten,
meistens fünf bis sieben). Der Zeitnehmer bedient dafür eine Ampel, damit
der ungeübte Redner eine Hilfe hat, denn wenn der Zeitrahmen über- oder
auch unterschritten wird, wird das Mitglied von der Preisverleihung disquali-
fiziert.
Jeder Teilnehmer des Abends, auch die Gäste, wählt schriftlich den Gewinner
des Abends für die beste

  • Stegreifrede,
  • vorbereitete Rede und
  • Bewertung.

Da Gäste auf freiwilliger Basis an dem Stegreifredenwettbewerb teilnehmen
können, können auch sie einen Preis gewinnen, was natürlich eine Top-Moti-
vation für eine Mitgliedschaft ist. Jeder Gewinner erhält unter wohlverdien-
tem Applaus eine Bescheinigung.
Jeder Mensch kann jeden Toastmasters Club auf der Welt besuchen. Toast-
master können zusätzlich über Easy Speak einen Antrag auf das Halten einer
vorbereiteten Rede oder Bewertung in der jeweiligen Clubsprache (meistens
Englisch) stellen. In der Regel wird das freudig angenommen. Die Toastmas-

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7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 83

weitverbreitet, nach dem Prinzip:

„Nicht gemeckert ist genug gelobt.“ [1]

sondern nach einem vorgegebenen Sandwich-Verfahren:

1. Lob
2. zwei konkrete Verbesserungsvorschläge, keine reine Kritik
3. Was hat dem Bewerter persönlich am besten gefallen?

Die Bewertung wird vom Bewerter handschriftlich in die dafür vorgesehene
Seite im Handbuch eingetragen. Zusätzlich zum Bewerter erhält der Redner
von jedem Teilnehmer, auch von den Gästen, eine kurze schriftliche Bewer-
tung. Diese wertvollen Informationen dienen der kontinuierlichen Verbesse-
rung. Ich arbeite gerade an meiner dritten Rede-Kompetenzstufe im englisch-
sprachigen BASF-Club und lasse mich bei meinen öffentlichen überregionalen
Impulsreden von TM-Kollegen der jeweiligen Stadt bewerten, demnächst in
Chicago, wo ich zurzeit ein Programm mit einem Volumen von einer halben
Milliarde US-Dollar steuere.
Zu den letzten fortgeschrittenen Kompetenzstufen gehören Projekte, in denen
vorbereitetes Redefachwissen als Vortrag (educational) weitergegeben wird.
Zusätzliches Wissen für Mitglieder gibt es kostenlos im Internet.
Die Clubleitung und insbesondere der Vice President Education (Lernbeauf-
tragter) sind verantwortlich für eine angenehme, positive Lernatmosphäre.
Daher wird auch viel applaudiert. So einfach könnte Management, Schule

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7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 82
  • Moderator, genannt Toastmaster des Abends
  • „Äh“-Zähler
  • Zeitnehmer
  • Sprachstilbewerter
  • Gesamtbewerter
  • bis zu vier Redner mit
  • jeweilig dazu sich äußernden Bewertern

Zweimal im Jahr werden Europa- (nicht englische Sprachen) und Weltmeis-
terschaften (englisch) durchgeführt. Für die Herbstmeisterschaft sind humo-
rige Reden Vorgabe. Alle Rollen, zum Beispiel Wettkampfleiter, Chefbewerter,
Bewerter und andere, werden von Mitgliedern ehrenamtlich übernommen.
Bei den internationalen Wettkämpfen wird parallel ein Weiterbildungspro-
gramm angeboten.
Sowohl für die Entwicklung der Rede- als auch der Führungseigenschaften
gibt es Handbücher mit vorgegebenen Übungen. Für die Grundstufe sind die
Handbücher vorgegeben. Für die fortgeschrittenen Redeprojekte kann jedes
Mitglied aus über 11 Fortgeschrittenenhandbüchern wählen. In den Handbü-
chern werden die jeweiligen Techniken mit Tipps und Beispielen erläutert
und die Aufgabe genau definiert. Das eigentliche Redethema ist frei wählbar.
Auf diesem Weg erfahren die Teilnehmer nebenbei sehr viel, zum Teil auch
ungewöhnlich Wissenswertes.
Zu jeder Aufgabe werden in den Handbüchern auch die Bewertungskriterien
aufgeführt, nach denen ein erfahrenes Mitglied (mindestens sechs Projekte)
den Kandidaten bewertet. Die Bewertung erfolgt nicht, wie in Deutschland

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7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 81

der Grundeinstellung positiv.
Vordergründig kann man dort zwei Kompetenzen entwickeln: Redefähigkeit
in vier Kompetenzstufen und Führungseigenschaften in drei Stufen. Für das
Erreichen jeder Kompetenzstufe erhält man ein Zertifikat, das auch aus den
USA direkt an den Arbeitgeber geschickt werden kann, was natürlich Ein-
druck macht. Hat man beide Kompetenzen zur jeweils höchsten Stufe (drei
beziehungsweise   vier)   gebracht,   erhält   man   das   Zertifikat   „Distinguished
Toastmaster“ (DTM = hervorragender TM).
Das System arbeitet auf Selbstkostenbasis und ist ein perfekt organisiertes,
hierarchiefreies Gruppenlernsystem. Wichtig ist, dass regelmäßig, meistens
vierzehntägig abends, seltener am Wochenende, Übungsabende stattfinden.
Jeder Gruppenabend wird von den Mitgliedern selbst organisiert, dafür gibt
es eine Art internes XING, genannt Easy Speak. Der Abend gliedert sich, welt-
weit gleich, in fünf Teile mit drei Wettkämpfen:
1. Begrüßung mit Aufwärmelementen
2. Stegreifreden (erster Wettkampf)
3. Vorbereitete Reden gemäß Handbüchern (zweiter Wettkampf)
4. Bewertungsreden (dritter Wettkampf)
5. Organisatorisches
Dazu sind neben der Clubleitung, ähnlich einer Vereinsstruktur, zahlreiche
Rollen zu besetzen:

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7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 80

7.4 Mentale Stärke trainieren Seite 80
war in meiner Heimatstadt Tanztee und ich stand mit meiner Clique zusam- men auf ein Bier. Plötzlich zupft es an meinem Hosenbein und Andreas fragte mich: „Du, Karl-Heinz, wenn ich eine Zwei schreibe, bekomme ich dann ein Bier von dir?“, was natürlich per Jugendschutzgesetz verboten war. Prompt schrieb er in der nächsten Klassenarbeit eine...
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7.3 Zwei Grundhaltungen bei Veränderungen Seite 79

Wenn du nicht weiter weißt,
bilde einen Arbeitskreis.
[unbekannt]

No-No hält die Prognose von Fred für falsch, schließlich ist No-No ironischer-
weise für den Wetterbericht zuständig, von dem wir alle wissen, dass er nicht
immer stimmt. Damit werden in dem Buch 139 Seiten gefüllt.
Die Quintessenz findet man auch in anderen Büchern. Die beiden gegensätzli-
chen Charaktere der Pinguine repräsentieren Grundhaltungen bei starken,
zum Beispiel existenziellen Veränderungen. Fred steht für „Warum nicht“
und No-No für „Ja aber“. Ich hasse „Ja aber“, da es eine infame Lüge ist, tat-
sächlich ist der „Ja aber“-Sager zu feige, Nein zu sagen.
Große Herausforderungen können Sie nur mit der Grundhaltung „Warum
nicht“ beherrschen. Ich bin ein „Fred“ und werde in Kapitel 8 Beispiele aus
der Intensivstation dafür anführen.
Viele Menschen empfinden Veränderung als eine Gefahr, als Bedrohung. Die
Natur aber verändert sich ständig. Neue Lebensformen entstehen, alte Le-
bensformen, die sich nicht schnell genug anpassen können, wie zum Beispiel
Dinosaurier, sterben aus. Die Amöbe passt sich immer ihrem Futter an und
verändert dabei ihre Form. Sie ist eine der ältesten Lebensformen. Das ist et-
was, das wir von der Natur lernen können. Wir müssen uns ständig anpassen,
andernfalls sterben wir aus … lebenslanges Lernen.

7.4 Mentale Stärke trainieren

In Kapitel  6.3  hatte ich von Andreas, meinem Nachhilfeschüler, der wieder
Dreien schrieb, erzählt. Er entwickelte mentale Stärke. Sonntagnachmittag

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7.3 Zwei Grundhaltungen bei Veränderungen Seite 78

schaftlich bewiesen ist, dass Perfektionismus unwirtschaftlich ist. Heute gibt
es im Internet Startpakete mit speziellen Bällen und Anleitungsvideos. Für
den Einstieg ist es einfacher, die Übung mit Tüchern auszuführen, da sie sich
langsamer als Bälle bewegen. Mir hat es sehr geholfen, die richtige Musik da-
bei zu hören. In meinem Fall war es House-Musik, mit dem für mich richtigen
Rhythmus.
Abschließend eine gute Nachricht. Wenn Sie Ihren Perfektionisten in den
Griff bekommen haben, können Sie wieder etwas großzügiger gegenüber Ih-
rem inneren Schweinehund sein, da er Sie vorm Ausbrennen schützt (neu-
deutsch: Work-Life-Balance).

7.3 Zwei Grundhaltungen bei Veränderungen

Sind Sie ein Fred oder ein No-No? [9] Schicksalsschläge oder große Veränderungen wie Reorganisationen oder Kün-
digungen können heute jeden zu jeder Zeit treffen. Die meisten Menschen fal-
len in eine Schockstarre. John Kotter beschreibt in  [9] verschiedene Hand-
lungsoptionen. Es geht dort um eine Pinguin-Kolonie, die auf einem Eisberg
lebt. Der Pinguin Fred entdeckt, dass der Eisberg schmilzt. Die Kolonie wird
von einem Zehnerrat geführt, in dem auch No-No Mitglied ist. Der Ursprung
seines Namens ist unklar. Die einen behaupten, er wäre nach seinem Urgroß-
vater benannt worden. Die anderen berichten, dass sein erstes Wort als Klein-
kind nicht Mama oder Papa, sondern No-No gewesen sein soll. Fred meldet
seine Beobachtung dem Zehnerrat. Dort werden, wie im richtigen Leben, ver-
schiedene Maßnahmen diskutiert, zum Beispiel:

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7.2 Perfektionismus Seite 77

„Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, trägt
sie an der falschen Stelle.“ [1]

Einige meiner Kunden sagen: „Super, wir haben jetzt eine Strategie und müs-
sen nichts mehr machen.“ Die Entropie versucht ständig und zunächst in un-
merklich kleinen Schritten, Sie wieder an Ihren Anfangspunkt zurückzufüh-
ren. Leider ist dieser Weg weg vom Ziel schneller als der Weg hin zum Ziel.
Um das zu verhindern, dass man abgelenkt wird, darf man sich niemals aus-
ruhen. Um ein einmal erreichtes Ziel zu halten oder zu verteidigen, muss wei-
ter investiert werden … lebenslang. Dieser Erhaltungsaufwand beträgt 10 bis
20 Prozent des Aufwandes, der notwendig war, um das Ziel zu erreichen.
Stoppt oder reduziert man den Erhaltungsaufwand, wird nach einiger Zeit al-
ler Aufwand vergebens gewesen sein und man ist wieder am Ausgangs- bezie-
hungsweise Nullpunkt. Diesen Effekt können Sie überall beobachten.
Nichts bleibt von alleine, wie es war.
Wie bekommen Sie nun den Perfektionisten in den Griff?
Durch Jonglieren. Jeder Mensch, außer Perfektionisten, kann mit drei Bällen
jonglieren. Ab vier Bällen beginnt der Bereich der Akrobatik.
Beim Jonglieren muss ich an einer bestimmten Stelle des Bewegungsablaufes
mir selbst intuitiv vertrauen, dass sich die Hand zur richtigen Zeit an der rich-
tigen Stelle befindet. Der Perfektionist versucht, diesen Schritt zu kontrollie-
ren, und ist damit zu langsam. In den 1990er-Jahren haben große Konzerne
ihre Führungskräfte und Techniker im Jonglieren trainiert, da ja wissen-

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7.2 Perfektionismus Seite 76

kostet allerdings entsprechend. Wie schon die Redewendung laut Duden  —
von mir vom logischen Widerspruch befreit — sagt:

„Nichts ist umsonst,
selbst der Tod kostet das Leben.“

Das oben genannte regelungstechnische Gesetz wird über die sogenannte
Zeitkonstante (griechisch Tau = 0,632) beschrieben. Interessant ist, dass im
Meisterwerk „Der Vitruvianische Mensch“ meines großen Vorbildes Leonar-
do da Vinci (es hängt als Kunstdruck in meinem Büro) auftaucht. Fälschli-
cherweise wird da Vincis Zeichnung nachgesagt, dass die Bildproportionen
dem Goldenen Schnitt entsprechen. Die Harmoniekonstante, auch Goldene
Zahl genannt (griechisch Phi = a/b), ist mit a = 0,618. Addiert man die in Wi-
kipedia dokumentierte Abweichung in da Vincis Zeichnung von 1,7 Prozent =
0,017, so erhält man 0,64. Der Fehler beträgt bei Tau nur die Hälfte: 0,008.
Wollte da Vinci genau die Mitte zwischen diesen Konstanten treffen, weil bei-
de so eine große Bedeutung haben und er eine noch größere Harmonie zwi-
schen diesen beiden Fundamentalkonstanten erreichen wollte? Faszinierend.
Diese Effekte sind für die Umsetzung großer Ziele sehr wichtig, da eine Ge-
genstrategie entwickelt werden muss,  andernfalls  bleibt man stecken oder
gibt auf, wie die meisten Menschen, die ihre Ziele nicht erreichen und nicht
wissen, warum.
Es gibt noch eine weitere schlechte Nachricht, die schon oben in einem Ne-
bensatz erwähnt wurde:
„Entladen“ kommt durch die Entropie von alleine oder wie der Pfarrer Wil-
liam Sloane Coffin sagte:

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